Political correctness Teil 1

Sprachen entwickeln sich dynamisch. Als Frau d’un certain age blicke ich auf die sechziger und siebziger Jahre zurück und zucke bei der Erinnerung an so manche Ausdrücke zusammen. Meine Tante war gehbehindert und mein Opa, der sie sehr liebevoll gepflegt hat, sprach in der Tat völlig wertneutral von ihr als „cripple“. Auch wir Kinder haben gesagt „My aunt’s a cripple“. Heutzutage würde man in Großbritannien sagen „My aunt’s disabled„. Amerikanische Freunde sagen mir aber, dass in ihrem Land auch dieser Ausdruck verpönt ist und man generell von Leuten „with special needs“ redet. Da ich schon lange nicht mehr in meinem Land lebe, ist es schwer mit sprachlichen Entwicklungen Schritt zu halten. Wie ich im Dezember in London erfuhr. Freunde waren gerade aus einem Urlaub in der Sonne zurückgekehrt. Als ich meiner Tochter erzählte, dass sie „incredibly brown“ (unglaublich braun) waren, zuckte sie eine Augenbraue hoch und sagte „Mum, you CAN’T say that any more. It’s considered racist“ („Das kannst du nicht mehr sagen, weil es rassistisch klingt“). Sie erklärte mir, dass man heutzutage sagt „They’re very tanned/bronzed/sun-kissed“ oder so ähnlich. Neulich hörte ich in einer amerikanischen Fernsehserie wie eine Person sagte „She’s very tan“ (ohne die Endung -ned). Diese sprachliche Änderung ist vielleicht sinnvoll. Aber manchmal geht Political Correctness zu weit. Es gibt zum Beispiel ein sehr bekanntes englisches Kinderlied „Baba, black sheep“. In einigen Schulen ist der Text auf „Baba rainbow sheep“ umgeändert werden, falls es für rassistisch gehalten werden könnte. Ebenfalls ist der Begriff „Brainstorming“ manchmal tabu, weil er Epileptiker beleidigen könnte. Aber das (im Moment) für mich idiotischste Beispiel von Political Correctness ad adsurbum ist „manholes“ (Einstiegslöcher in die Kanalisation, die man auf Straßen sieht). Sie sind teilweise in „Personal Access Holes“ umbennant werden, falls Frauen sich deswegen benachteiligt fühlen sollten. Da war wohl eine übereifrige Frauenbeauftragte mit einer blühenden Fantasie am Werk…

6 Antworten to “Political correctness Teil 1”

  1. Max Headroom Says:

    manholes wird zu personal access holes … und wozu wird dann am Ende „huMANity“?
    Egal: die Exzesse scheint es in jeder Sprache zu geben. Interessant für uns Übersetzende (nicht Übersetzer!) ist, wann wir Befindlichkeiten bei der Übersetzung berücksichtigen müssen: dass z.B. ein „Weißer“ eben „Kaukasian“ wird, dass wir nicht mehr von Eskimos reden, sondern von Inuit – das würde auch schon in der (deutschen) Ausgangssprache gelten.
    Und dann kommt das Dilemma: wenn ich so etwas im Quelltext finde, MUSS ich das in das politsch korrekte übersetzen, da ich bei der Unterlassung eine nicht wieder gut zu machen Beleidigung einbauen würde, oder lasse ich den Text wie er ist, der Auftraggeber wird es schon wissen?

  2. Robert Says:

    Sally, das ist wieder nicht politisch korrekt, es muss hupersonity heißen – analog zu ploughperson’s lunch.

  3. Max Headroom Says:

    Ich weiß nicht – habt ihr das abgesprochen? Diese Woche veröffentlicht auch Bastian Sick, der Schelm des Duden, eine Zusammenstellung, welche Probleme es mit Männlein und Weiblein gibt.
    Vielleicht möchte ja mal jemand reinschauen
    http://www.bastiansick.de/kolumnen/zwiebelfischchen/von-maennlein-und-weiblein
    und sich von Bankkauffrau (m/w), Aushilferinnen und anderen Entgleisungen wie „alle krank oder schwanger“ inspirieren lassen.

    • Sally Massmann Says:

      Ich würde gern mit Bastian Sick befreundet sein. Richtig gute Kumpels wären wir sicherlich! Aber das bleibt wohl ein Wunschtraum und daher habe ich mich nicht mit ihm abgesprochen😦 Aber die Kolumne ist herrlich. Besonders der Versuch aus „herrenloses Damenfahrrad“ etwas Geschlechtsneutrales zu machen!

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