Die Qual der Wahl

Dieses Jahr darf ich aus verschiedenen Gründen zum allerersten Mal in meinem Leben bei einer Bundestagswahl persönlich meine Stimme abgeben. Das ist insofern erstaunlich, weil ich eine Frau d’un certain age bin und schon einige Jahre in diesem Land lebe. Egal. Nun darf ich endlich wählen. Beim Brötchen holen kauften wir uns diese Woche „Die Welt am Sonntag“. Perfekt: es gab einen Artikel zu den Wahlprogrammen, der ein echter Lesespaß war – besonders als es um die vielen Anglizismen ging.

Der Artikel heißt „Wahlprogramme der Parteien sind unverständlich“:

http://www.welt.de/wirtschaft/article119351107/Wahlprogramme-der-Parteien-sind-unverstaendlich.html

Er hat mich ermutigt, die Wahlprogramme der Parteien näher anzusehen. Ich hatte mir vorgenommen, sie in Ruhe durchzulesen, aber es sind so dicke Wälzer (oder thick tomes wie wir Engländer sagen), dass ich dafür Wochen gebraucht hätte. Trotzdem – einige Leckerbissen gebe ich hier gern zum Besten.

Das CDU/CSU Wahlprogramm ist ein ziemlich staubiges, 128-seitiges, wenig bebildertes Werk. Es redet von „smart homes“ und einer durch das Internet hervorgebrachte Wirtschaft des Teilens oder „sharing economy“ – in beiden Fällen weiß ich immer noch nicht, was gemeint ist, und ich kann Englisch. Wie soll es den vielen Mitbürgern gehen, die zur älteren Generation gehören, oder aus einem anderen Land stammen und für die Englisch eine untergeordnete Rolle in ihrem Leben spielte? Zwei weitere idiotische Begriffe habe ich entdeckt: die „German Mittelstand Kampagne“ und die „Open-Access-Strategie“ – ein Kuddelmuddel aus Englisch und Deutsch, wofür es keinen ersichtliche Entschuldigung gibt.

Bei der SPD fand ich den schönen Begriff „Made in Ostdeutschland„. Froh war ich, dass ich deren Wahlprogramm nicht übersetzen musste, denn bei Begriffen wie „grenzüberschreitende Kuppelstellen“ (s. 39 von 121!) oder „sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen“ (s. 21) wäre ich an meine Grenzen gestoßen.

Das Wahlprogramm der Piraten enthielt Bilder! Hurra. Allerdings weiß ich nicht, was das Bild bei „Kunst und Kultur“ uns sagen wollte. Die Piraten hielten viele Anglizismen bereit. Hier ein Auszug: „Privacy-by-design“, „the Chilling-Effekt“ – wieder eine Mischung aus Deutsch und Englisch – „three strikes“ und „crowdfunding„. Nur beim letzten Begriff weiß ich, was gemeint ist – die Bedeutung der anderen ist mir schleierhaft. Oh weia.

Ich wollte mir dann das Wahlprogramm der FDP ansehen. Aber mir ging einfach die Puste aus – oder auf Englisch: „I ran out of steam„.

5 Antworten to “Die Qual der Wahl”

  1. Max Headroom Says:

    So grausam diese Anhäufungen sprachlich sind, so versuche ich doch das positive zu sehen: diese Texte spiegeln eine zutiefst demokratische Entstehungsgeschichte wieder.
    Da gibt es das Fachvokabular der jungen „Hippen“, das der Verwaltungsfachkräfte und Bürohengste und dann auch noch was aus der Werbebranche.
    Mit den Stilbrüchen oder dem Ausweichen in andere Sprachen werden auch die Brüche (und damit unterschiedlichen Stoßrichtungen) der jeweiligen Interessengemeinschaft deutlich. Und da jede für ihre Clientel Werbung macht, signalisiert sie über den Fachjargon ihre (vermeintliche) Kompetenz.
    Und wir als Außenstehende können dann nur den Kopf schütteln, weil es eben nicht aus einem Guß erscheint wie Literatur, sondern einfach nur ein Gebrauchstext ist, eigentlich eine Stoffsammlung, die jetzt auch noch Werbung machen soll.
    Auch hier guckt wieder durch, dass Englisch als Lingua franca des Internets und damit der Jugendkultur sicher der Herrschaft der eigentlichen Spracheigentümer entzieht.
    Übrigens: wenn Deutsche untereinander Englisch reden (diese Posse führen wir regelmäßig in Telekonferenzen auf, wenn auch nur ein Nicht-Deutschsprachiger teilnimmt), verstehen wir uns bestens. „Although some tests are still outstanding, I thank everybody for their engagement“. Ob dass dann wirklich ein Service für die Nicht-Deutschsprachigen ist …?
    In diesem Zusammenhang vielleicht auch noch der Verweis auf den Jargon der Deutschen Bahn – und seine stufenweise Rücknahme:
    http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/germany/10139103/Deutsche-Bahn-aims-to-roll-back-use-of-English.html
    Also stehen die Parteien nur als einige von Vielen in einer langen Tradition.

  2. Alexandra Says:

    Den Piraten würde ich die Anglizismen verzeihen. Sie sind ja als Internet-Partei entstanden und viele Begriffe dort sind nun mal Englisch. Da fände ich es sogar unerwünscht, wenn man die auf Teufel komm raus ins Deutsche übersetzen würde.

  3. Tony Mellor-Stapelberg Says:

    Hast Du die Karikatur in der HAZ – vor der Wahl – gesehen, in der die Abhörer der NSA mit ihren ganzen Kopfhörern und Bildschirmen in Richtung Obama gucken und sagen: „Tut uns leid, Chef, es ist uns nicht gelungen, die deutschen Wahlprogramme zu entschlüsseln“?

    Ich nehme an, „smart homes“ sind Wohnungen, wo alles elektronisch vernetzt ist und der Kühlschrank automatisch Nachbestellungen betätigt. Und ich denke, „three strikes“ ist ein Baseball-Begriff – spätestens beim dritten Schlag muss man laufen. Ich bin aber nicht sicher.

    Hast Du je ein britisches Wahlmanifest gelesen? Ich frage mich, wie man „the Big Society“ ins Deutsche übersetzen würde. Ich frage mich aber auch, ob wie man es nicht ins Englische übersetzen könnte…

    • Sally Massmann Says:

      Britische Wahlmanifeste müssen auch ein Alptraum sein. Schrecklich. Und es wäre doch sicherlich nicht so schwer sie in einer leicht verständlichen Sprache zu schreiben – oder?

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